Geschichten von der Straßenbahn

B-V 3313
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Geschichten von der Straßenbahn

Ungelesener Beitrag von B-V 3313 » Montag 2. Oktober 2017, 13:44

Hallo zusammen.

Heute jährt sich leider die Einstellung der Straßenbahn im Westteil Berlins zum 50. Male. Zwar habe ich sie nie erlebt, aber selbst
ich vermisse sie irgendwie. Auch meine Großeltern denken etwas wehmütig an die gute alte "Elektrische" zurück. Natürlich ist mir bewusst,
dass ohne den Einstellungsbeschluss der BVG im Jahre 1953 nie das uns bekannte Busnetz entstanden wäre. Vielleicht wäre auch nie der
Autobusbetriebshof Spandau gebaut worden. Oder er wäre ein Straßenbahnhof (evtl. kombiniert mit Bussen) geworden. Oder, oder, oder.
Nach der Wiedervereinigung gab es übrigens Verkehrsplaner (natürlich aus dem Westteil), die tatsächlich "1967 wiederholen wollten".
"Wenn es uns in den nächsten 10-20 Jahren gelingt, zwei neue U-Bahnachsen unter Ostberlin zu bauen, hat sich das Thema Straßenbahn
erledigt!", war eine der Aussagen damals. Glücklicherweise kam es anders und die Berliner Straßenbahn erfreut sich größter Beliebtheit.
Ich kann für Berlin nur inständig hoffen, dass die Straßenbahn weiter wächst und dem Bus die Strecken abnimmt, wo er überfordert ist.
Die drei Strecken im Westteil sind ein Witz. Es muss weitergehen!
Als 1992 die BVG und die BVB zur BVG verschmolzen, konnte der neue "Unternehmensbereich Straßenbahn" relativ autark arbeiten, eine
"Übernahme aus dem Westen" war aufgund des fehlenden Pendents nicht möglich. Apropos "Unternehmensbereich Straßenbahn":
kein echter Berliner sagt Tram! Zwar wird das Logo verwendet, aber es ist und bleibt die Straßenbahn! Soviel dazu. ;)

Nun, es ist wie es ist und so schreibe ich euch hier die "Straßenbahngeschichte" meines Großvaters bei der BVG nieder. Aus seiner Sicht.

Als ich bei der BVG im Mai 1962 als Schaffner anfing, war das Straßenbahnnetz in meinem Heimatbezirk Spandau noch fast vollständig.
Fast. Am 1. März 1962 war die Strecke der 55 zur Nauener Straße durch die Seegefelder Straße stillgelegt worden. Auch sie fuhr nun
nach Hakenfelde und sollte dort am 2. Oktober 1967 als letzte Straßenbahnlinie "das Licht ausmachen". 1962 hieß es übrigens noch,
die "Spandauer Straßenbahnlinien werden bis 1971 fahren". Pah! Ich wohnte damals im Spandauer Baumgartensteg, meine Haltestelle war
also die an der Ecke "Tiefwerderweg/Heidereuterstraße". Um zu meinem Betriebshof Helmholtzstraße zu kommen, musste ich entweder
mit den Buslinien A5, A31 oder A80 oder mit den Straßenbahnlinien 53 und 54 zum AS1 zum U-Bahnhof Ruhleben vorfahren. Da seit 1961
die Straßenbahnlinien 53 und 54 nur noch bis zum Richard-Wagner-Platz fuhren, hätte ich noch einmal umsteigen müssen.
Zum Frühdienst nahm ich den Nachtbus, den sogenannten "langen 5er". Der fuhr wenigstens durch. Der AS1 fuhr auf Handzeichen auch
mal an der Teltower Straße etwas langsamer, so langsam, dass ich aufspringen konnte. Für Kollegen tut man ja bekanntlich vieles.
Ab und an wurde man als Schaffner aber auch mal "kommandiert". Dann musste man entweder auf einem anderen Busbetriebshof oder
auch bei der Straßenbahn aushelfen. Für uns vom Hof Helmholtzstraße war das meistens auf dem Straßenbahnhof Charlottenburg, im
BVG-Jargon nur kurz "Bahnhof Char" genannt, der Fall. Für jeden "Kommandodienst" gab es übrigens 4 DM Bar auf die Kralle, in Zeiten
wo ein Bier und ein Korn zusammen 50Pf kosteten, ein Haufen Geld. Die Straßenbahnfahrer waren von uns weniger begeistert, denn sie
sahen schon von Weitem an unseren Kragenspiegeln, dass wir vom Bus kamen: "Na Klasse, zwei Einzelkämpfer vom Bus. Denkt daran,
dass der Triebwagenschaffner unbedingt auf das Abfahrtsignal vom Beiwagen wartet! Ansonsten ziehe ich los und hinten steigt noch
ein Kinderwagen ein!". Diese Angst war nicht ganz unbegründet. Vom Bus war man es gewöhnt, sofort nach dem Ein- und Ausstieg der
Fahrgäste das Abfahrtssignal zu geben. Bei der Straßenbahn hingen aber noch ein oder sogar zwei Wagen hinten dran. Die Reihenfolge
der Abfertigung war dabei klar geregelt. Erst gibt der Schaffner des letzte Wagens das Abfahrtssignal, dann der des zweiten Wagens und
erst dann der Triebwagenschaffner. Zur Kontrolle gab es über der Tür Lampen, die dann leuchteten, wenn hinten die Leine gezogen wurde.
Im Eifer des Gefechts zogen dann manche Busschaffner vorne schon mal die Leine und klingelten ab, während hinten noch der Fahrgast-
wechsel lief. Aufpassen war also angesagt. Ich war nur auf den sogenannten "Verbundzügen" Schaffner, das waren die Züge aus zwei
Triebwagen der Reihe TM. Auch dort sprach man vom Triebwagen und vom Beiwagen. Dabei wurde man teilweise kurioserweise ohne
den Wagen zu wechseln vom Triebwagen- zum Beiwagenschaffner und natürlich umgedreht. Bei den Linien 75 und 76 wurde am Zoo
nämlich stumpf gewendet, bei der 55 später am Zoo ebenfalls. In Spandau gab es dagegen Wendeschleifen und da man während des
Dienstes immer auf seinem Wagen blieb, wechselte man immer nach einer Runde vom ersten zum zweiten Schaffner.
"Chef" der Schaffner bei strittigen Entscheidungen war immer der Triebwagenschaffner. Wobei man nicht glauben muss, dass die alten
Hasen von der Straßenbahn uns junge Busschaffner ernstgenommen hätten. Apropos Spandauer Schleifen: Als ich das erste Mal nach
Hakenfelde kam - Busse fuhren dort noch nicht - wunderte ich mich, wohin der Fahrer und die anderen Schaffner immer hingingen. Bei der
zweiten Runde fragte ich nach und der Fahrer sagte: "Komm mal mit, meen Kleener. Ick zeije dir mal wat!". Wir gingen ins Hinterzimmer
des Kiosks dort und ich staunte nicht schlecht, als ich die Bierpullen und Schnapsgläser auf den Tischen sah. "Bei der Straßenbahn wird
getrunken, wir dürfen das! Setz' dir hin und trink einen mit", sagte der Fahrer. Stimmt, ich wusste ja das es auf den Straßenbahnhöfen
Bier in den Kantinen gab und peinlich darauf geachtet wurde, dass wir vom Bus nichts bekamen. Aber das überraschte mich dann doch.
Naja, das Kommandogeld wurde also "angelegt" und die 30 Minuten Pause verliefen anders als geplant. Heute wäre so etwas undenkbar.
Diese Regelung war für mich ein wenig nachvollziehbar. Bis in die 60er gab es mit den T24 Triebwagen mit halboffenen Plattformen. Bei den
damals sehr kalten Wintern bekamen die mit Filzstiefeln, Handschuhen, Pelzkragen und Pelzmützen ausgestatten Fahrer Tee mit Rum von
der Firma. Und wenn der Fahrer, dann können auch die Schaffner und wenn schon im Winter, dann halt auch im Sommer... ;)
In Spandau war die Situation noch einen Zacken schärfer. Gegenüber vom Straßenbahnhof gab es zwei Kneipen. Dort saßen die
Reserven und zechten feuchtfröhlich. Brauchte der Rangierer einen Kollegen, rief er in den Kneipen an und bestellte einen zu sich rüber.
Trotzdem passierte wenig und wenn waren bei Unfällen meistens die Autofahrer schuld. Und die Fahrer beherrschten ihr Handwerk!
Es gab damals meist nur handbediente Weichen. Also exakt rangefahren, gebremst und das Schiebfenster auf. Das Weichenstelleisen
runter und die Weiche gestellt. Schon ging es weiter. Eine der wenigen E-Weichen gab es am Spandauer Markt. Viele Damen verloren
einen ihrer Pfennigabsätze dort, wenn die Weiche sich umstellte. Wenn wir Feierabend hatten, waren wir stolz wenn der Fahrer uns lobte:
"Jungens, dit habt ihr jut jemacht!" Die Straßenbahn hatte aber auch Vorteile gegenüber unseren Bussen. Bei Abfahrten am Stadion konnte
man einfach die Tür zuknallen und einen Riegel drüberlegen. Unsere Busse waren bekanntlich hinten offen, da half oftmals kein gebrülltes:
"Zurückbleiben, der Wagen ist besetzt!" Originale gab es auch bei der Straßenbahn. Eine Schaffnerin - namens "Ille", sie kam später zum
Bus - war nur knappe 1,45m groß. Sie kam nun nicht an die Klingelleine und behalf sich mit einem Regenschirm. Leider hatten es besonders
die Schaffnerinnen mit den Alliierten nicht leicht. Die Engländer benutzten auf ihren Fahrten zu den Spandauer Kasernen oft die Linien
75 und 76 entlang der Heerstraße. Waren sie besoffen, wurden die Schaffnerinnen oft belästigt und begrapscht. Teilweise fuhr die MP
abends neben den Bahnen her und wenn der Fahrer klingelte, gab es mit dem Gummiknüppel auf den Kopf. Ein anderer Straßenbahnfahrer
- Otto - wohnte im Tiefwerderweg. Der fuhr auch die Sambazüge (TED) und war stolz drauf. Er war ein recht ruhiger Mensch und trotzdem
hatte ich mit ihm eines meiner schlimmsten Erlebnisse bei der BVG. Ich war schon Busfahrer und fuhr mit einem D3U die Kantstraße auf der
Linie AS4 Richtung Stölpchensee entlang. Als Schnellbus hatte man natürlich weniger Haltestellen und die Straßenbahner hatten die Dienst-
anweisung, den Bus durchzulassen. Nun hingen wir hinter der Bahn und die Straßenbahner ließen uns nicht vor, trotz einiger Möglichkeiten.
Wir sammelten so natürlich reichlich Verspätung und hinter dem Amtsgerichtsplatz reichte es meinem Schaffner. Er kam noch vorne und
sagte mir: "An der Dernburgstraße gehe ich nach vorne und erzähle dem Fatzke wat!" Die Bahn hielt, wir hielten dahinter und mein Schaffner
eilte nach vorne und stieg in die erste Tür ein. Er versuchte es, denn im gleichen Moment flog er rückwärts auf die Straße und blieb liegen
Ich sprang aus meiner Fahrertür auf der Fahrbahnsteite und rannte zu ihm. Ich wollte ihm aufhelfen, als ich sah, wie das Blut aus seiner
Mütze kam und das Gesicht runterlief. Ich setzte ihn auf den Bordstein und der Straßenbahnschaffner vom zweiten Wagen kam an und
fragte: "Wat issen los?" Ich brüllte nur: "Hol sofort die Feuerwehr! Mein Schaffner hat was am Kopf abbekommen und wehe ihr fahrt los!".
Nun war natürlich großer Bahnhof angesagt. Der andere Straßenbahnschaffner entleerte die Straßenbahn und meinen Bus.
Weiterfahren war nicht mehr und ich musste meinen Schaffner laufend davon abhalten, seine Mütze abzunehmen. Er war völlig neben
sich und brachte kein klares Wort mehr raus. Die Feuerwehr kam und transportierte meinen Schaffner mit seinem Schädelbruch ab.
Damit war aber noch nicht Schluss. Dann kamen ein Verkehrsmeister und die Poizei und alle wollte wissen, was passiert ist.
Ich schilderte den Vorlauf und meine Beobachtungen. Danach wurde Otto befragt. Er gab zu, die Kontrolle über sich verloren und mit
dem Umschalthebel meinen Schaffner, der auf den Stufen stand und schimpfte, einmal auf den Kopf geschlagen zu haben. Gott sei dank
überlebte mein Schaffner und es blieben keine Schäden zurück. Auch Otto blieb bei der BVG - zu einer Gerichtsverhandlung kam es nie.
Viele Grüße
B-V 3313

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